Meine Frau sagt immer ... daddeln
Kolumnen, Meine Frau sagt immer ...

Meine Frau sagt immer ... daddeln

Hechts Hilfe für Paare
Gerhard Hecht

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Es ist ein ewiges Streitthema: Wie lange dürfen die Kinder vor Computer und Co. sitzen? Noch komplizierter wird es, wenn zwischen Mutter und Vater eine gewisse analog/digital-Verschiedenheit vorhanden ist. Das kennt auch Gerhard Hecht nur zu gut ...

Meine Frau sagt immer ... daddeln
Hechts Hilfe für Paare

Meine Frau sagt immer ... daddeln

Es ist ein ewiges Streitthema: Wie lange dürfen die Kinder vor Computer und Co. sitzen? Noch komplizierter wird es, wenn zwischen Mutter und Vater eine gewisse analog/digital-Verschiedenheit vorhanden ist. Das kennt auch unser Autor ...

"Schau halt, dass die Jungs nicht zu viel daddeln“, sagt meine Frau immer, wenn ich die beiden alleine betreue. Bei uns ist die Medien- und Computerzeit einigermaßen streng geregelt. Es gibt Zeitkontingente für Fernsehen, iPad und Playstation und die sind knapp bemessen. Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Vor allem wenn ich die Jungs habe. Das liegt nicht an meinem fehlenden Betreuungsenthusiasmus. Ich will meine Jungs nicht möglichst bequem vor dem Fernseher oder dem iPad ablegen, ich bin gerne mit ihnen zusammen. Aber ich habe irgendwie weniger Medien-Computer- und Playstation-Angst als die durchschnittliche Mutter in unseren Kreisen und auf jeden Fall weniger Bedenken als meine Frau. Natürlich ist zu viel Handygedaddel nicht gut, das weiß ich auch. Aber wenn die Jungs Sport gemacht haben, die Hausaufgaben fertig sind und sie auch sonst alles richtig gemacht haben – warum sollten sie dann nicht daddeln oder sonst wie rumcomputern? Wir haben anscheinend eine gewisse analog/digital - Verschiedenheit meine Frau und ich.

Warum mussten dann aber meine beiden Söhne in ihren ersten Jahren fast wie Neandertaler aufwachsen?

Sie hat schon in der Kleinkinderzeit sehr auf natürliches Spielzeug geachtet - gesund, natürlich, möglichst wenig behandelt, vermutlich zur Not sogar essbar und ja, da kann man nur zustimmen. Andererseits dachte ich mir schon auch mal, warum unsere Kinder mit Holz, Wolle, Leder, Filz und Papier spielen? Warum nicht mit alten Computern, Fernsehern, Eisen, Glas, Plastik oder Betonstücken und so was? Mit modernen Materialien eben. Bei den Steinzeitmenschen spielten die Kinder doch auch mit den Dingen aus denen die Welt bestand. Mit Faustkeilen, Fellresten, Holzstückchen und so Naturzeug eben. Warum mussten dann aber meine beiden Söhne in ihren ersten Jahren fast wie Neandertaler aufwachsen? Und warum sollen sie jetzt nicht mit dem spielen, aus dem die Welt besteht und immer mehr bestehen wird? Mit digitalem Zeug und Internet eben! Vielleicht bereiten sie sich durch das dauernde Gedaddel auf die zukünftige Verschmelzung von Computer und Mensch vor?

Meine Frau sagt, das ist alles Blödsinn. Es wär medizinisch erwiesen, sie hätte vieles gelesen und mehrere andere Eltern hätten es auch schon gesagt: Zuviel Computer (und wahrscheinlich Computer/Medien überhaupt) sind für Kinder ungesund. Auch in der Schule scheint man sich an dieser Meinung zu orientieren. Mein Kleiner hat gerade einen ziemlich klumpig kopierten Zettel zur Hausaufgabe mitbekommen. Die Hausaufgabe besteht darin, die deutschen Bundesländer auswendig zu lernen – mit Hauptstädten und Wappen. Auf dem besagten Zettel sind die Wappen schwarz-weiß einigermaßen erkennbar. Warum hat er keinen Link mitbekommen, wo er die sowieso schon uralten Wappen der deutschen Bundesländer in Farbe auf Google anschauen kann, mit Erklärung und Animation? Man hätte ihm den Link ja meinetwegen in eine Tontafel gekratzt mitgeben können. Wegen Natürlichkeit und Traditionsverheimatung und so.

Ist es ein Naturgesetz, dass die Pädagogik dauernd hinterher hinkt?

Aber jetzt mal im Ernst – warum macht man das nicht? Das mit dem Link meine ich! Warum diese Scheu und diese Schreckhaftigkeit vor dem Bildschirm? Warum haben meine Jungs in der Schule keinen Computer und warum werden die wichtigsten YouTuber-Stars nicht in der Schule besprochen? Warum ist Digitalisierung und die ganze Computerei nicht von der ersten Klasse an Unterrichtsfach? Warum lernt mein Großer immer noch die Namen der antiken griechischen Stadtstaatenkolonien, aber nicht wie man Facebook handhabt und seine Mails verschlüsselt? Ist es ein Naturgesetz, dass die Pädagogik dauernd hinterher hinkt? Warum werden im Kunstunterricht keine Skulptu-ren aus Elektronikschrott gebastelt? Spielerische Annäherung und Inbesitznahme ... na?!

Ich muss nochmal mit meiner Frau reden. Wir brauchen viel mehr und nicht weniger Computer. Und am Wochenende zerlege ich mit den Jungs die alten Motherboards vom Speicher. Gibt’s bestimmt was auf YouTube, wie man das ohne Vergiftung übersteht und was die einzelnen Teile so alles bedeuten. Und für das Zertrümmern der Gehäuse können wir ja Faustkeile benutzen und den Schrott sammeln wir in Omas selbstgeflochtenem Weidenkörbchen – Verwendung traditioneller Werkstoffe – alles klar?! Dass wir dann hinterher darüber reden wie es uns mit der Aktion ging, ist in einem Psychotherapeuten-Haushalt sowieso selbstverständlich. Von wegen Vereinsamung vor dem Bildschirm!

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