Ein unerfüllter Kinderwunsch und der frühe Verlust eines Kindes sind Themen, über die oft geschwiegen wird – doch sie betreffen viele Familien. Veronika Maierhofer, Akut- und Trauerbegleiterin, setzt sich für mehr Sichtbarkeit und Unterstützung ein. In Regensburg organisiert sie dazu im Mai eine Themenwoche.

Liebe Frau Maierhofer – Sie setzen sich für Paare ein, die gegen ihren Willen kinderlos sind und/oder deren Kind sehr früh verstorben ist. Wie kommen Sie dazu?
Veronika Maierhofer : Beide Erfahrungen habe ich selbst gemacht: Bevor ich das erste Mal schwanger wurde, haben mein Mann und ich bereits mehrere Jahre lang versucht, ein Kind zu bekommen. Das monatliche Warten und Hoffen und dann die Enttäuschung, wenn es wieder nicht geklappt hat, das alles hat mir sehr zugesetzt und das Vertrauen in meinen Körper stark beeinträchtigt. Der positive Schwangerschaftstest war schließlich wie ein Wunder für uns und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass wir dann eine wunderschöne und weitgehend problemlose Schwangerschaft erleben durften – dadurch konnte vieles heilen. Knapp zwei Jahre nach der Geburt unserer Tochter wurde ich wieder schwanger und wir waren überglücklich. Leider hielt die Freude nicht lange an, denn am Ende des ersten Trimesters setzten plötzlich Blutungen ein. Als die Ärztin mir mitgeteilte, dass das Herz unseres zweiten Kindes nicht mehr schlägt, ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Und obwohl mein Mann und ich gemeinsam trauern konnten und auch unser Umfeld eine wichtige Stütze für mich war, habe ich mich in den folgenden Wochen und Monaten oft furchtbar allein mit diesem Schmerz gefühlt. Das ist man aber in Wahrheit nicht, auch wenn sich viele nicht trauen, darüber zu sprechen. Denn etwa jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens (mindestens) eine Fehlgeburt. Und auch beim Thema unerfüllter Kinderwunsch steigen die Zahlen seit Jahren an: Etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist derzeit ungewollt kinderlos. Dieses Wissen war für mich ein wesentlicher Anstoß dafür, die gesellschaftlichen Herausforderungen und das persönliche Leid rund um diese Themen sichtbarer zu machen und betroffene Familien auf ihrem Weg zu begleiten.
Sie bieten seit September 2024 einen offenen Kinderwunschtreff in Regensburg an und organisieren für Mai eine Themenwoche unter dem Titel „Wenn der Tod am Anfang steht“. Wie erleben Sie die Situation hier vor Ort: Welche Angebote gibt es in diese Richtung und wo besteht Ihrer Meinung nach noch Handlungsbedarf?
Es gibt natürlich ganz verschiedene Akteure in Regensburg, die in diesem Feld unglaublich wertvolle Arbeit leisten. Die MitarbeiterInnen in den Kliniken, die niedergelassenen GynäkologInnen, die Schwangerschaftsberatungsstellen – so viele Fachpersonen versuchen die betroffenen Paare und Familien bestmöglich zu unterstützen. Und dennoch berichten nicht wenige Eltern gerade nach einer frühen Fehlgeburt, dass sie sich in ihrer Trauer nicht ernst genommen gefühlt haben oder auch, dass sie zu wenig aufgeklärt wurden über die verschiedenen Optionen, wie es nach dem Tod des Kindes weitergehen kann.
Inwiefern?
Verstirbt ein Kind in der frühen Schwangerschaft, ist z.B. nicht in jedem Fall eine Curettage, also eine sog. Ausschabung nötig, die meist zeitnah unter Vollnarkose in der Klinik durchgeführt wird. Häufig ist stattdessen auch eine - medizinisch begleitete - „kleine Geburt“ zuhause eine Alternative. Dabei hat der Körper die Möglichkeit, die Schwangerschaft natürlich zu beenden und die Eltern können ihr Baby, wenn sie dies möchten, auch auffangen und sehen. Diese bewusste Auseinandersetzung mit dem verstorbenen Kind kann ein sehr heilsamer Schritt im Abschiedsprozess der Eltern sein – gerade auch dann, wenn der Schwangerschaft eine lange Kinderwunschzeit vorausgeht und die Erfahrung einer Fehlgeburt umso schmerzlicher ist.
Ein anderer Bereich, der eine wichtige Rolle spielt, ist das fachliche Netzwerk, denn ein gutes Miteinander der unterschiedlichen Akteure ist wesentlich dafür, dass die Hilfsangebote im richtigen Moment bei den Betroffenen landen. Deshalb gehört auch ein interdisziplinärer Fachtag zur Themenwoche, der u.a. den Austausch und die Vernetzung zwischen Medizin und begleitenden Personen fördern will.

Zum Abschluss noch eine ganz konkrete Frage: Wie kann das Umfeld unterstützen, wenn es erfährt, dass Menschen ungewollt kinderlos sind oder eine Fehlgeburt erlebt haben?
Ein Grund dafür, dass diese Themen immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft sind, ist die Unsicherheit vieler Menschen, wie man „richtig“ auf die Betroffenen zugeht. Häufig herrscht die Annahme vor, dass es besser ist, sie nicht darauf anzusprechen, um ihnen in ihrem Schmerz nicht zu nahe zu treten. Meistens trifft das jedoch nicht zu: Die Menschen tragen diese Erfahrung ja stets mit sich herum und sind oft dankbar dafür, wenn jemand ernsthaft interessiert nachfragt – und dann auch wirklich zuhört und eventuell die Schwere der Antwort mit aushält. Auf Floskeln wie „ihr seid ja noch jung“ oder „fahrt doch mal in den Urlaub und entspannt euch“ sollte man dabei natürlich besser verzichten. Aber auch eine liebe Karte oder eine Erinnerungskerze für ihr Kind können eine wichtige Geste sein, die den betroffenen Paaren oder Familien zeigt, dass die Umgebung ihre Situation wahrnimmt.
Projektwoche "Unerfüllter Kinderwunsch"
Anna-Maria Ruck hat in einem Podcast der Regensburger Eltern ein Gespräch Dr. Heike Wolter zu dem Thema geführt.