Massive Verdiensteinbußen, mehr Bürokratie und unbezahlte Bereitschaftszeiten: Der neue Hebammenhilfevertrag bringt freiberufliche Beleghebammen an ihre Grenzen. Im Interview sprechen Tanja Lehner und Grazyna Handy vom Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg über die Folgen für die Geburtshilfe vor Ort, drohende Versorgungsengpässe und wie Familien die Hebammen jetzt unterstützen können.
Wir sind aktuell 17 freiberufliche Hebammen, die am Caritas-Krankenhaus St. Josef als Dienstbeleghebammen geburtshilflich arbeiten. Außerdem bieten wir in einem Praxisraum eine Hebammensprechstunde/Schwangerenambulanz an. Aktuelle Sprecherinnen der Hebammengemeinschaft sind Tanja Lehner (1.) und Grazyna Handy (2.).
Dienstbeleghebammen sind selbstständige Hebammen/Unternehmer:innen, die ihre Sozialabgaben und Versicherungen selbst tragen und ihre Leistungen direkt mit der Krankenkasse abrechnen. Sie organisieren ihre Dienste/Rufbereitschaften als Team selbst und arbeiten über einen Belegvertrag mit der jeweiligen Klinik zusammen. Praxisräume müssen extra gemietet werden.
Zum 1. November 2025 trat der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft. Welche Neuerungen ergeben sich damit?
Durch den am 01.11.25 in Kraft getretenen neuen Hebammenhilfevertrag, werden alle freiberuflichen Hebammen schlechter gestellt. Besonders betroffen sind die Dienstbeleghebammen. Der neue Vertrag führt zu massiven Verdiensteinbußen und deutlich mehr Bürokratieaufwand. Jede 2. Dienstbeleghebamme denkt darüber nach ihrer beruflichen Tätigkeit aufzugeben bzw. in einen anderen Beruf zu wechseln. Wir haben im letzten Jahr bereits sowohl regional (große Demo in Regensburg am 31.05.25 Neupfarrplatz) als auch deutschlandweit unter dem Motto MIDWIFECRISES darauf aufmerksam gemacht in enger Zusammenarbeit mit Lena Huber – Kreissprecherin des Hebammenverbandes.
Die Organisation und Zusammenarbeit zwischen den Hebammen/Krankenhäusern St. Hedwig und St. Josef war ein starkes Zeichen. Zusätzliche Unterstützung hatten wir durch Hebammenteams der gesamten Region. Gemeinsam haben die Teamleitungen bei politischen Gesprächsrunden sowohl in Regensburg als auch im Bayerischen Landtag und dem Bundestag in Berlin die Situation geschildert. Die Übergabe von wichtigen Unterlagen zum Thema an Herrn Ministerpräsident Dr. M. Söder fand ebenfalls gemeinsam statt. Diese Zusammenarbeit war eine sehr positive Erfahrung in dieser schweren Zeit. Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken!
Zudem wurde eine Klage gegen den neuen Vertrag eingereicht. Zwei Hebammen aus Paderborn leiten diese rechtlichen Schritte. Finanziert wurde dies bisher durch Hebammen deutschlandweit und Spenden.
Und was bedeutet das für die Hebammen vor Ort?
Der neue Vertrag hat Tätigkeitspauschalen gestrichen und dafür die Arbeitszeit in den Vordergrund der Abrechnung gestellt. Dabei wurde jedoch die Bereitschaftszeit einer Hebamme oder die Leerlaufzeiten im Kreißsaal, in denen wir trotzdem vor Ort sind, überhaupt nicht berücksichtigt! Auch das deutlich erhöhte bürokratische Arbeitsaufkommen findet dort keine Bezahlung.
Zudem wurde gerade bei mehr Arbeitsaufkommen im Kreißsaal und der damit verbundenen erhöhten physischen und psychischen Belastung, sowie der erhöhten haftpflichtrechtlichen Relevanz, die Vergütung herabgesetzt! Für die erste zu betreuende Frau bekommt man statt vorher 100 % nur noch 80 % der Vergütung und bei paralleler Betreuung für die 2. Frau nur 30% sowie für die 3. Patientin 30% für eine Stunde (nach Ablauf der Stunde KEINE Vergütung der 3. parallel zu betreuenden Patientin!). Der Nachtdienstzuschlag wurde gekürzt!
Zusätzlich zuvor mögliche, abzurechnende Tätigkeiten wie zum Beispiel die 1. Untersuchung des Kindes gestrichen.
Zum 1.11. wurde zudem die akute ambulante Versorgung durch die Dienstbeleghebamme nicht mehr im Vertrag berücksichtigt! Die finanziellen Einbußen betrugen bis zu 30% Minus!!! Das ist nicht tragbar und für Kolleginnen in Teilzeit mit den gleichen Ausgaben schlichtweg unmöglich.
Durch unermüdlichen Einsatz unserer Bayerischen Landesvorsitzenden Frau Hofner und ihrem Team sowie Hebammenteams deutschlandweit, ist es uns mit politischer Unterstützung gelungen, zum 01.04.26 kleine Verbesserrungen des neuen Vertrags durchzusetzen. Zumindest wurde ein Teil der ambulanten Akutversorgung ermöglicht, jedoch mit Auflagen! Leider sind diese Verbesserungen nicht ausreichend um das System der Dienstbeleghebammen auf Dauer zu erhalten. Allenfalls ist es eine kurze Motivation durch leichte finanzielle Verbesserung, um weiter mit Protesten aufmerksam zu machen, das Ergebnis der eingereichten Klage abzuwarten und ggf. noch ein paar Monate beruflich durchzuhalten!
Welche Auswirkungen hat das auf die Praxis und den beruflichen Alltag?
Die vom GKV Spitzenverband immer wieder herausgestellte Förderung der 1:1 Betreuung (1 Frau : 1 betreuende Hebamme) ist natürlich ein Wunschbetreuungsbild aber in der Realität mit einem unplanbaren geburtshilflichem Aufkommen unter diesem neuen Vertrag nicht gefördert!
Fördern kann man die 1:1 Betreuung nur, indem man die Beleghebamme besser bezahlt, um Ausfall-/ Leerlauf- und Bereitschaftszeiten zu kompensieren und damit das Belegsystem zu erhalten!
Das Beleghebammensystem ist das einzige geburtshilfliche Kliniksystem, das individuell und adäquat auf das nicht planbare Geburtsaufkommen reagieren kann! Durch Hebammen in Bereitschaft können diese zusätzlich bei Bedarf hinzugezogen werden! Ein starres Personal/Dienstkonstrukt bei einem angestellten Hebammenteam hat keine Möglichkeit das kurzfristig zu kompensieren!
Gerade deshalb haben wir uns als Hebammen bewusst für das Belegsystem entschieden.
Zudem ermöglicht die eigene Organisation des Belegteams gerade Hebammen mit Kindern ein flexibles Arbeiten und hält somit genügend Hebammen vor. In Städten mit Belegsystem ist die Versorgung mit Hebammen in der Schwangerschaft und nach der Geburt zudem flächendeckender. Gerade Bayern ist zu 80% auf dem Belegsystem aufgebaut. Ein Zusammenbruch würde zu einem geburtshilflichen Notstand führen!
In Zeiten des Equal Payday und Aktionen zur Förderung der Frauengesundheit stehen wir also nun wo?
- Bei einer Hebamme, deren Ausbildung zwar akademisiert wurde, aber bei Einstieg in die Freiberuflichkeit deutlich schlechter bezahlt wird.
- Kurz vor dem Aus einer individuellen Geburtshilfe, die bereits vor dem neuen Hebammenhilfevertrag die höchste Quote an 1:1 Betreuungen aufwies und nun auch bei einer Leistung von 100% 1:1 Betreuung nachweislich schlechter bezahlt werden würde!?
- Bei einer deutlich schlechteren Quote der 1:1 Betreuung im angestellten Hebammensystem, die der GKV nicht zu berücksichtigen scheint?
- Bei einer Förderung der Frauengesundheit, die dadurch auf lange Sicht wieder verschlechtert wird?
- Bei Hebammen die mit viel Herzblut für ihre Arbeit am Ende ihrer Existenzen stehen!
Wir werden weiterhin alles uns Mögliche tun um für unsere Schwangeren/Mütter/Familien da zu sein. Wir versuchen durchzuhalten und freuen uns über jede Geburt die wir als Beleghebammenteam des Caritas- Krankenhaus St. Josef begleiten dürfen!
Was möchten Sie den Eltern und Familien dazu noch sagen?
Wir wünschen uns, dass alle Frauen und Familien nach ihren Möglichkeiten für ihre individuelle Versorgung kämpfen und Seite an Seite mit ihren Hebammen stehen. Sie können Aktionen starten und unterstützen, politisch aktiv sein und ihre Krankenkassen weiterhin schriftlich darauf aufmerksam machen!