Wessen Kinderfotos liegen nicht irgendwo auf US-Servern und in welcher Schulklasse läuft die Orga nicht zähneknirschend über WhatsApp? IT-Experte Frank Schingale erklärt im Interview, warum „kostenlos“ meistens teuer bezahlt wird – und wie der Ausstieg aus der Big-Tech-Falle Schritt für Schritt gelingt, ohne dass wir im Alltag als Sonderlinge enden.
Was haben ein eigensinniges Einhorn und der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) miteinander zu tun? Beide verbindet ein gemeinsames Thema: Digitale Unabhängigkeit (auch bezeichnet als Digitale Selbstbestimmung oder Digitale Souveränität). Der IStGH geriet unter Druck, als die US-Regierung unter Donald Trump Sanktionen gegen Richter des Gerichts verhängte und diese von zentralen, US-basierten Digitaldiensten wie Microsoft, Google, Amazon, PayPal, Kreditkarten und Expedia ausschloss. Als Reak-tion darauf, und um handlungsfähig und unabhängig zu bleiben, arbeitet der IStGH darauf hin, seine digitale Infrastruktur auf europäische Lösungen umzustellen. Und Marc Uwe Kling, vielen Eltern und Kindern vor allem als Schöpfer des sympathisch unangepassten NEINhorns bekannt, rief zum Jahres-wechsel gemeinsam mit dem Chaos Computer Club zum „Digital Independence Day“ (di.day) auf. Das Ziel des di.day ist es, Menschen zum Umstieg auf datenschutzfreundliche und demokratieverträgliche Alternativen zu großen Technologieplattformen zu ermutigen.
Ob Weltgericht oder Wohnzimmer: Die Frage ist dieselbe. Wer bestimmt eigentlich über unsere Daten, unsere Kommunikation, unsere digitale Infrastruktur? Google, Meta, Microsoft & Co. machen den Alltag bequem, doch welchen Preis wir dafür zahlen, wird erst auf den zweiten Blick klar. Daten werden ge-speichert und weiterverwertet, Algorithmen bestimmen, was wir sehen, und wer keine Alternativen kennt, ist Big Tech schlicht ausgeliefert.
Digitale Selbstbestimmung bedeutet, diese Abhängigkeiten zu kennen und dort, wo es möglich ist, be-wusste Entscheidungen zu treffen. Was das konkret für Familien bedeutet, erklärt im Interview IT-Experte Frank Schingale
Warum ist digitale Unabhängigkeit ein wichtiges Thema gerade auch für Familien?
Familien produzieren besonders schützenswerte Daten: Kinderfotos, Gesundheits- und Schulinformatio-nen, den ganzen Alltag. Und Kinder wachsen mit den Werkzeugen auf, die wir ihnen vorleben. Dabei geht es mir weniger um kompletten Verzicht als um die Fähigkeit, bewusst wählen zu können. Wer Kommunikation, Fotos und Dokumente vollständig einem einzigen Anbieter anvertraut, macht sich ab-hängig: von dessen Preisen, dessen Regeln und davon, dass es den Dienst morgen noch gibt.
Was ist genau das Problem mit den „Techriesen“ und ihren Produkten? Warum macht es einen Unterschied, ob meine Daten auf Servern in den USA oder in Deutschland (oder der EU) verarbeitet werden?
Zwei Dinge: das Geschäftsmodell und die Machtkonzentration. Viele Dienste sind „kostenlos", weil nicht der Dienst das Produkt ist, sondern wir. Und wenige Konzerne kontrollieren gleichzeitig Kommunikation, Suche, Speicher und Betriebssysteme. Die Produkte selbst sind zudem darauf ausgelegt, dass man bleibt: Alles greift ineinander und die eigenen Daten lassen sich nur mühsam wieder mitnehmen. Und ja, es macht einen Unterschied, wo die Daten verarbeitet werden. Anbieter mit Sitz in der EU unterliegen unmittelbar der DSGVO und im Streitfall habe ich einen Ansprechpartner in erreichbarer Nähe: eine Aufsichtsbehörde und Gerichte hier, statt eines Verfahrens in Kalifornien.
Der Ort allein genügt aber nicht. Entscheidend ist auch, wer den Server betreibt: Der US-amerikanische CLOUD Act kann US-Firmen zur Herausgabe von Daten verpflichten, selbst wenn diese in einem europäischen Rechenzentrum liegen. Ein „EU-Rechenzentrum" eines US-Konzerns ist also nicht automatisch sicher. Und wie wackelig die Lage ist, zeigt sich gerade wieder: Die rechtliche Grundlage für Datentransfers in die USA wird 2026 erneut juristisch angegriffen.
Was ist Open-Source-Software? Ist Open Source per se immer besser als kommerzielle Software in Bezug auf Datensicherheit und digitale Souveränität? Kann Open Source überhaupt mit den gro-ßen Anbietern mithalten?
Open Source heißt, dass der Quellcode („Bauplan“ der Software) öffentlich einsehbar ist. Jeder kann prüfen, was ein Programm wirklich tut. Nebenbei: „Open Source" ist kein Gegensatz zu „kommerziell": Nextcloud, Proton oder Mailbox.org sind beides.
Bei der Datensicherheit ist Open Source nicht automatisch besser. Entscheidend ist, ob ein Projekt aktiv gepflegt und geprüft wird. Ein vernachlässigtes offenes Projekt kann unsicherer sein als gut gewartete kommerzielle Software.
Bei der digitalen Souveränität liegt der Vorteil dagegen klar auf Seiten offener Software: Ich kann sie selbst betreiben, zu einem anderen Dienstleister mitnehmen oder notfalls weiterentwickeln lassen. Nie-mand kann sie einseitig einstellen, verteuern oder die Regeln ändern. Genau deshalb setzen inzwi-schen auch Behörden verstärkt darauf.
Und mithalten kann sie längst: Signal, Nextcloud, LibreOffice oder Firefox zeigen das. Man sollte nur nicht „quelloffen“ mit „datenschutzfreundlich“ gleichsetzen - manche der besten Alternativen sind kom-merziell, aber sehr datensparsam.
Ich möchte mehr digitale Selbstbestimmung in unser Familienleben bringen. Wo fange ich an bzw. in welchen Bereichen ist ein Wechsel relativ einfach möglich? Und worauf sollte ich bei der Auswahl von geeigneten Alternativen achten? Wo finde ich Unterstützung bei der Umstellung?
Am einfachsten sind Messenger (Signal, Threema), Browser (Firefox), Suchmaschine (z. B. Startpage oder Ecosia) und E-Mail (Mailbox.org, Posteo, Proton). Etwas mehr Aufwand machen Cloud und Fotos (Nextcloud, pCloud, Infomaniak) sowie Office (LibreOffice, ONLYOFFICE). Einige davon sitzen in der Schweiz statt in der EU - das ist aber unproblematisch: Die EU-Kommission bescheinigt der Schweiz ein angemessenes Datenschutzniveau.
Bei der Auswahl stelle ich mir drei Fragen: Wo sitzt der Anbieter und welchem Recht unterliegt er? Sind die Daten verschlüsselt? Und vor allem: Bezahle ich, oder zahle ich mit meinen Daten? Hilfe gibt es reichlich. Besonders niedrigschwellig ist der Digital Independence Day (di.day): An jedem ersten Sonntag im Monat wechselt man einen einzigen Dienst. Dazu gibt es „Wechselrezepte“, also ver-ständliche Anleitungen mit Angabe von Zeitaufwand und Schwierigkeit. So wird aus einem großen Vor-haben eine kleine Gewohnheit. Solche Wechsel-Aktionen lassen sich übrigens gut gemeinsam veran-stalten, etwa über einen Elternbeirat. Ergänzend lohnen sich european-alternatives.eu, der Kuketz-Blog und die Verbraucherzentrale(n).
Klassenchat in Whatsapp, Fotospeicher in der Google-Cloud oder Texterstellung mit ChatGPT - Wer auf die großen Dienste verzichten will, steht schnell vor der Herausforderung einen Dienst entweder zu nutzen oder außen vor zu sein. Hast du Tipps für Familien für diesen Fall?
Die drei Beispiele sind unterschiedlich gelagert und nur eines davon ist ein echter Zwang. Beim Klassenchat wirken Netzwerkeffekte: Ein Dienst ist nur so nützlich wie die Menschen, die ihn nutzen - wer allein aussteigt, steht außen vor. Bei Foto-Cloud und ChatGPT ist das nicht so. Da entscheide ich für mich allein.
Deshalb ist es auch kein Alles-oder-Nichts. Ich unterscheide bewusst zwischen „Hier habe ich echte Wahl“ und „Hier bin ich faktisch gezwungen“. Beim Klassenchat muss die Gruppe wechseln, nicht der Einzelne - ein Vorstoß im Elternkreis lohnt sich. Wo das nicht gelingt, nutze ich den großen Dienst gezielt nur für diesen einen Zweck.
Bei Fotos halte ich immer eine eigene Datensicherung vor, damit ich nicht abhängig bin, wenn sich Prei-se oder Regeln ändern. Und bei Chatbots gibt es europäische Alternativen wie Le Chat von Mistral oder Proton Lumo. Wichtiger als der Anbieter ist dort ohnehin die Frage, was man hineinschreibt: Namen, Gesundheitsdaten oder Schulprobleme der Kinder gehören in kein KI-Werkzeug - egal von wem. Genau darüber sollte man mit den Kindern sprechen. Denn spätestens bei den Hausaufgaben begegnen sie diesen Werkzeugen ohnehin. Das Wirksamste ist gemeinschaftlich: Wenn Klassen und Schulen sich auf gemeinsame Standards eini-gen, verschiebt sich die Norm und niemand steht mehr allein da.
Gibt es etwas, was du den Eltern in Sachen digitale Unabhängigkeit noch mitteilen möchtest, was noch nicht gefragt wurde?
Digitale Unabhängigkeit ist ein Weg, kein Schalter. Perfektion sollte nicht der Feind des Guten sein: Schon ein Wechsel zählt!
Und man ist damit nicht allein unterwegs. Wie abhängig wir von wenigen ausländischen Anbietern sind, ist längst ein Thema bis in die Politik: Mehrere europäische Verwaltungen stellen gerade bewusst auf offene und europäische Lösungen um. Was für einen Staat gilt, gilt im Kleinen auch für die Familie: Es geht um Widerstandsfähigkeit, nicht nur um Privatsphäre. Das Wichtigste ist aber: Der beste langfristige Schutz für unsere Kinder ist nicht die perfekte App, son-dern Medienkompetenz. Mit ihnen darüber zu sprechen, warum ein Dienst „kostenlos“ ist, wirkt länger als jede technische Einstellung. Bequemlichkeit hat einen Preis - er steht nur nicht auf der Rechnung.