Das erste eigene Smartphone ist ein großer Schritt für Kinder und Eltern. Im dritten Teil unserer Themenreihe „Kinder und Medien“ gibt Medienpädagogin Birgit Zwicknagel praktische Tipps für einen sicheren und verantwortungsvollen Einstieg von technischen Einstellungen bis zu den wichtigsten Verhaltensregeln.
Viele Expert:innen empfehlen eine weitgehend smartphonefreie Kindergarten- und Grundschulzeit und einen Verzicht auf soziale Medien bis 14 Jahre (oder sogar 16). Für viele Familien allerdings ist der Übergang in die weiterführende Schule der Zeitpunkt, zu dem das erste eigene Smartphone ins Kinderzimmer einzieht. Aber auch ohne eigenes Gerät kommen Kinder heute früh mit digitalen Inhalten in Kontakt, zum Beispiel wenn die Freunde in der Schule bereits eigene Endgeräte nutzen. Neben Unterhaltung lauern dort auch Gefahren: ungeeignete oder verstörende Inhalte, Mobbing, Cybergrooming, Abofallen und süchtig machende Algorithmen - um nur ein paar zu nennen. Wenn wir ehrlich sind, tun sich auch viele Erwachsene schwer, die digitale Welt maßvoll und gesund zu nutzen.
Birgit Zwicknagel ist Medienpädagogin und arbeitet mit dem Programm „Clever ins Netz“ an Schulen. Sie unterstützt Kinder ab der Grundschule dabei, sicher mit digitalen Medien und dem Smartphone umzugehen. Außerdem hat sie den Verein „Computermäuse Stamsried“ gegründet, der Familien bei Fragen und Problemen rund um digitale Medien unterstützt. In unserem Interview gibt sie praktische Tipps, wie Eltern ihr Kind auf das erste eigene Smartphone vorbereiten und vor möglichen Risiken schützen können. Sie erklärt, welche Regeln, Grenzen und technischen Einstellungen für einen sicheren und bedachten Umgang wichtig sind und wo Eltern Unterstützung finden, wenn sie Fragen oder Sorgen haben.
Welche Risiken gibt es im Umgang mit digitalen Medien und wie kann ich mein Kind davor schützen? Wie spreche ich mit meinem Kind altersgemäß über Gefahren der Mediennutzung?
Birgit Zwicknagel: Sobald ein Kind „online“ gehen darf, kann es Cybergrooming, Cybermobbing oder unangebrachten Inhalten begegnen. Dies lässt sich kaum verhindern, da Online Raum für jede Art Menschen bietet. Aber auch „offline“ gibt es Gefahren durch unangebrachte Darstellungen – vor allem, wenn Spiele ab 12/16/18 ausgewiesen sind – oder auch durch suchtfördernde Inhalte. Ein Gespräch sollte immer offen stattfinden, so, wie man Kinder auch über andere Gefahren aufklärt. Bereits kleinen Kindern vermittelt man ohne Umwege und ohne etwas zu verniedlichen, dass sie nicht mit Fremden mitgehen, keine Süßigkeiten annehmen oder Fremden die Tür öffnen dürfen. Wie im realen Leben muss diese Aufklärung auch für die digitale Onlinewelt stattfinden. Grundregeln wie „Verrate nie deinen echten Namen“, „Sag niemandem, wo du wohnst“, „Schenke Fremden keine Fotos“ usw. kann man – wie im realen Leben auch – sachlich, und ohne Panik zu vermitteln, besprechen.
Welche praktischen Übungen gibt es, um den sicheren und sinnvollen Umgang mit digitalen Medien im Grundschulalter und im Übergang zur weiterführenden Schule zu üben und die Medienkompetenz schrittweise zu fördern? Welche Grundregeln sollten Eltern beachten und wo müssen sie klare Grenzen setzen?
Die beste Lernweise ist „Learning by Doing“. Das heißt, die Eltern installieren wertvolle Apps/Spiele gemeinsam und erklären von Beginn an die Funktionen. Danach begleiten sie das Kind weiterhin, auch wenn Eltern oft das Gefühl haben, das Kind „kann das jetzt“. Chatsituationen mit Fremden kann man üben: Man kann zum Beispiel kleine Rollenspiele planen, in denen man das Kind nach Dingen fragt wie „Was machst Du am liebsten nach der Schule?“ und die Antworten dann gemeinsam bespricht. Kleine Lernkärtchen mit Fragen, die in einem Spiel oder Chat auftauchen könnten, sind hier schnell erstellt und bieten eine gute Grundlage für die Gespräche.
Regeln sind wichtig und ohne Grenzen geht es nicht. Dazu gehören einfache Dinge wie „was ist erlaubt und was nicht“, Zeitmanagement, Geld ausgeben, Kontakte zu Fremden, wie gehe ich mit verstörenden Inhalten um usw. Auch die Konsequenzen bei mutwilligen Verstößen, wie z.B. das Ausspionieren des Elternpassworts, müssen festgelegt werden! Ein Mediennutzungsvertrag (siehe Infokasten) ist hier sehr hilfreich. So hat das Kind selbst aktiv mitgewirkt und man kann über die Regeln sprechen, statt sie nur starr ohne Grundlage festzulegen.
Wie sollte die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Kindern aussehen? Wie viel Kontrolle und wie viel Vertrauen sind angebracht?
Solange Kinder nicht volljährig sind, haben die Eltern eine Aufsichts- und Sorgepflicht. Ab dem 14. Lebensjahr sind Kinder strafmündig und tragen eine gewisse Selbstverantwortung, was die Eltern trotzdem nicht von der Aufsichtspflicht entbindet. Wichtig ist das Wort „AUFSICHT“, nicht blindwütige Kontrollpflicht! So wie im echten Leben muss man dem Kind einen gewissen Raum an Eigenverantwortung und Privatsphäre zugestehen. Auch hier kann man das reale Leben als Grundlage nehmen: Ein Kind, das mit einem Freund/Freundin im Zimmer spielt, wird man nicht dauerhaft beaufsichtigen, indem man sich mit ins Zimmer setzt. Man schaut ab und an rein, fragt ob alles ok ist und lässt die Kinder wieder allein. Dies entspräche einem 1:1-Chat mit jemandem, den das Kind kennt. Anders wäre es, wenn das Kind eine Party schmeißt und 30 andere Kinder einlädt – hier würden Eltern wohl kaum den Raum oder das Haus verlassen. Das entspräche dem Klassen-/Gruppenchat – auch hier wird man regelmäßig nachsehen, was los ist.
Wie merken Eltern, dass der Medienkonsum bzw. Smartphonenutzung des Kindes problematisch ist (Menge / Inhalte usw.). Was können sie in diesem Fall tun, damit das Kind zu einem gesunden, sicheren Umgang zurückfindet? Welche Anlaufstellen gibt es, wenn die Familie weitere Hilfe benötigt?
Problematische Inhalte machen sich oft am veränderten Verhalten des Kindes bemerkbar. Es zieht sich zurück, verweigert ggf. die Schule, benimmt sich anders als sonst usw. Die Liste ist hier lang. Bei Suchtmerkmalen ist es oft schneller erkennbar, da die Kinder aggressiv reagieren, wenn sie aufhören müssen, ihnen ohne Medien schnell langweilig wird, die Leistungen in der Schule sinken, sich das Denken und Reden ausschließlich um das Spiel dreht usw. Hier gibt es viele Merkmale, die man über das Internet abfragen kann (auch wir „Computermäuse“ senden gern entsprechende Checklisten per Email).
Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, weil z.B. entsprechende Regelungen von Anfang an nicht konsequent umgesetzt wurden, sollte man zunächst in einem vernünftigen Umfang die Medien reduzieren oder anpassen. Ein generelles Verbot wird nicht zum gewünschten Erfolg führen und die Situation eher verschlechtern. Neue Wege sollten gemeinsam besprochen und geplant werden, wobei die Erfahrung zeigt, dass Eltern-Kind-Gespräche oft problematisch und viel zu emotional sind. Es empfiehlt sich hier ggf. Hilfe von außen anzunehmen, zum Beispiel durch eine Gesprächsmoderation eines Dritten, um vielleicht erst einmal festzustellen, was genau das Problem ist und warum das Kind z.B. ein Spiel so exzessiv spielt.
Anlaufstellen sind rar. Es gäbe die Erziehungshilfen beim Jugendamt, die leider viele Eltern scheuen, da es den Eindruck erwecken mag „man sei nicht fähig, sein Kind zu erziehen“. Online findet man u.a. die OFFLINE HELDEN von Florian Buschmann, welche nach einem kostenlosen Erstgespräch natürlich entsprechende kostenpflichtige Hilfen anbieten. Auch wir Computermäuse geben per Email gern Hilfestellung im Rahmen einer Erstberatung.
Wenn es um Sucht bei Kindern geht, wird es richtig schwierig, da es kaum Anlaufstellen gibt. Die meisten sind für Erwachsene ausgelegt. Beim Fachverband Medienabhängigkeit (Link siehe Infokasten) findet man ggf. Adressen, die weiterhelfen. In akuten Fällen (Kind rastet aus, wird gewalttätig) hilft auch der Krisendienst Ostbayern. In München und Nürnberg gibt es Suchthilfe-Zentren und -hotlines, wo man sich beraten lassen kann. Insgesamt wird man aber als Eltern ziemlich allein gelassen bei diesem Thema.
Wie können Eltern Handys / Tablets und Apps von Anfang an „kindersicher“ einrichten? Was ist in Bezug auf die unterschiedlichen Altersgruppen von Kindergarten- über Grundschulkindern und etwas älteren Kindern zu empfehlen?
Sowohl bei Android als auch bei iOS (Apple) kann man das Gerät beim Einrichten als Kindergerät anlegen. Hier gibt es leicht nachvollziehbare Anleitungen. Die Geräte der Kinder werden dann mit den Elterngeräten verknüpft und bieten eine sinnvolle Unterstützung beim Umgang mit Altersfreigaben, Zeitlimits usw. Wichtig: Sie ersetzen nicht die Aufsichtspflicht! Die Kindersicherungen gelten vom Kleinkindalter bis zum 13./16. Lebensjahr und dann stellen die Anbieter die Accounts automatisch auf einen Jugend-/Erwachsenenaccount um. Wer es bis hier nicht gelernt hat, wird bei einem pubertierenden Jugendlichen nicht mit Jugendschutz beginnen können. Daher gilt: Gleich beim ersten Gerät einen Kinderaccount einrichten! Hier senden wir als Computermäuseverein gern Anleitungen per Email zu.