Dreisprachig aufwachsen – eine Bereicherung oder Stolperstein für die Schule? Eine Mutter sorgt sich, weil ihr Sohn Sprachen mischt und das Umfeld zum reinen Deutsch rät. Das sagen unsere Expertinnen aus Forschung und Praxis.
Mein Mann und ich leben seit 6 Jahren in Deutschland. Meine Muttersprache ist Albanisch, die von meinem Mann ist Griechisch. Unser Sohn ist 5 Jahre alt, besucht hier einen deutschen Kindergarten und wächst bisher mit allen drei Sprachen auf. Zu Hause sprechen wir aber nur unsere jeweiligen Muttersprachen mit ihm.
Uns ist das sehr wichtig, weil die Sprachen zu unseren Familien gehören und wir uns so natürlich am besten ausdrücken können. In unserem Umfeld hören wir aber gerade immer häufiger den Rat, mit unserem Sohn möglichst nur Deutsch zu sprechen, damit ihm der Schuleinstieg leichter fällt. Das verunsichert mich sehr! Klar, ich merke auch, dass unser Sohn manchmal Wörter aus den verschiedenen Sprachen mischt oder länger überlegen muss, bevor er antwortet. Ich frage mich: Ist das normal oder können wir ihm tatsächlich helfen, wenn wir zu Hause stärker auf Deutsch umstellen? Oder anders gefragt: Worauf sollen wir achten, um ihn perfekt unterstützen zu können?
1Mehrsprachigkeit als Bereicherung
Ihr Sohn darf mit drei Sprachen – drei Kulturen aufwachsen, was für eine Bereicherung! Dabei haben Sie doch schon vieles richtig gemacht: Jeder spricht mit dem Kind in seiner Mutter-/Vatersprache, die Umgebungssprache ist Deutsch. Dies hat den Vorteil, dass die Sprachanregungen, die Ihr Kind erhält, von Personen stammen, die die Sprache als Erstsprache beherrschen. Sie sind dann meist phonologisch und grammatikalisch richtig und beinhalten keine Sprachmischungen. Von Ihnen lernt ihr Sohn „richtiges“ Albanisch, von ihrem Mann „richtiges“ Griechisch und das Deutsch, dass er in seinem Lebensumfeld wie Kindergarten oder später in der Schule lernt ist auch von der Grammatik und Aussprache her so, wie es eben nur ein Muttersprachler lernt. Darüber hinaus können auch spezielle Elemente einer Sprache, wie zum Beispiel typische Gefühle, Temperament oder Gestik nur durch einen kompetenten Muttersprachler übermittelt werden. Das wiederum fördert nicht nur den Spracherwerb, sondern auch die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung ihres Kindes in entscheidendem Maße. Dass ihr Kind am Anfang noch öfter die Sprachen mischt oder mal etwas länger nachdenken muss, bevor er antwortet, ist völlig normal. Das Gehirn lernt rational, also für ein Objekt gibt es zunächst nur eine Bezeichnung, z.B. „tree“ (engl.) für „Baum“ und nicht etwa beides. So haben mehrsprachig aufwachsende Kinder einen gleich großen Wortschatz wie einsprachige Kinder, aber eben in verschiedenen Sprachen. Mit der Zeit, ab etwa sechs Jahren, werden die Sprachmischungen zunehmend weniger und ihr Kind wird die unterschiedlichen Sprachen nicht mehr mischen.
Wie können Sie Ihr Kind also unterstützen: Machen Sie weiter so. Seien Sie ein sprachliches Vorbild für Ihr Kind und leben Sie Ihrem Kind ihre eigene Sprache und ihre Kultur mit allem vor. Bieten Sie Ihrem Kind gleichzeitig viele Gelegenheiten, um auch mit der deutschen Sprache in Berührung zu kommen. Hierzu gehört zum Beispiel der regelmäßige Besuch des Kindergartens, wo er sicherlich viele Anregungen bekommt, um sich auch in der deutschen Sprache zunehmend sicherer ausdrücken zu können.
2Mehrsprachigkeit ist nie die Ursache
Vielen Dank für Ihre Frage, sie beschäftigt viele mehrsprachige Familien.
Zunächst das Wichtigste: Sie machen das genau richtig! Mehrsprachig aufzuwachsen ist für Kinder kein Problem. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass mehrere Sprachen weder zu Verwirrung noch zu einer verzögerten Sprachentwicklung führen. Sie wenden das sogenannte OPOL-Prinzip (One Person – One Language) an. Das ist sehr hilfreich, weil Ihr Sohn so klare sprachliche Zuordnungen entwickeln kann. Wichtig sind dabei vor allem Konstanz und eine positive Haltung Ihrerseits gegenüber allen Sprachen. Die von Ihnen beschriebenen Phänomene – z. B. das Mischen von Sprachen – sind ganz typisch für mehrsprachige Kinder. Das nennt man Code-Switching und es ist ein normaler Teil der Sprachentwicklung und sogar ein Zeichen für eine hohe Sprachkompetenz! Lassen Sie sich nicht von gut gemeinten Ratschlägen verunsichern, zu Hause möglichst nur Deutsch zu sprechen. Sprechen Sie ruhig mit Ihrem Kind die Sprache, in der Sie sich am wohlsten fühlen – Ihre Herzenssprache. Achten Sie auf viel sprachlichen (und kindgerechten) Input in den Familiensprachen. Dies unterstützt nachweislich auch den Erwerb des Deutschen (Umgebungssprache). Deutsch lernt Ihr Sohn im Kindergarten und später in der Schule intensiv.
Kleiner Spoiler: Kurz nach Schuleintritt wird es sogar ziemlich schnell zur dominanten Sprache. Umso wichtiger ist es, die Familiensprachen aktiv zu fördern. Sollten tatsächlich Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung bestehen, sollten diese – wie bei einsprachigen Kindern auch – fachlich abgeklärt werden.
Wichtig zu wissen: Mehrsprachigkeit ist nie die Ursache für Sprachverzögerungen. Indem Sie Ihre Sprachen leben, geben Sie Ihrem Sohn nicht nur sprachliche Kompetenzen, sondern auch Zugang zu Familie, Kultur und Identität.
3„Code switching“ ist ganz normal
Zunächst einmal möchte ich Ihnen sagen, dass Mehrsprachigkeit an sich kein Hindernis für Schulerfolg darstellt. Forschungen zeigen hingegen, dass Mehrsprachigkeit viele positive Auswirkungen haben kann, bspw. eine höhere Flexibilität und metasprachliche Fähigkeit, also das Nachdenken über sprachliche Strukturen. Das, was Sie bei Ihrem Sohn beobachtet haben, nennt sich „Code switching“ oder auch „code mixing“, also das Wechseln zwischen Sprachen und Mischen innerhalb einer Äußerung. Es ist ein ganz normales Phänomen mehrsprachiger Sprecher:innen, sowohl bei Kindern im Spracherwerb als auch bei Erwachsenen, die die Sprachen gut beherrschen. Es hilft dabei, sich genauer auszudrücken, wenn beispielsweise das Wort in der anderen Sprache besser passt oder der Satz schneller, leichter oder verständlicher in der anderen Sprache beendet werden kann. Der Wortschatz Ihres Kindes setzt sich aus allen drei Sprachen zusammen. Daher sind nicht unbedingt alle Wörter in allen drei Sprachen abrufbar, auch wenn er diese vielleicht versteht, wenn Sie die Wörter verwenden. Auch grammatikalische Übergeneralisierungen, also dass er zum Beispiel eine grammatikalische Regel in einem falschen Zusammenhang anwendet oder das längere Überlegen und Zuhören sind normale Merkmale von Mehrsprachigkeit. Für die Unterstützung Ihres Sohnes haben Sie sich ein paar Tipps gewünscht: Sprechen Sie weiterhin in Ihren eigenen Herkunftssprachen mit ihm. Dies ist wichtig, weil wir Emotionen, aber auch komplexere Zusammenhänge und Gedanken am besten in unserer Erstsprache vermitteln können. Zudem ist es für Sie Teil Ihrer Identität. Ermöglichen Sie ihm Spracherfahrungen in der Interaktion, also beim Spielen, bei ganz alltäglichen Abläufen und beim Vorlesen. So kann er erfahren, wie die Sprachen in der Kommunikation verwendet werden. Passen Sie dabei Ihr Sprachmodell immer wieder an seine wachsende Sprachfähigkeit an, so dass es für ihn verständlich ist, aber nicht zu kurz und zu einfach. Wenn er etwas nicht richtig gesagt hat, wiederholen Sie seine Äußerung korrigierend noch einmal, ohne ihn zum Nachsprechen aufzufordern. Falls Sie dennoch Sorgen haben, dass er deutlich mehr Zeit benötigt, sich sprachlich nicht weiterentwickelt oder Schwierigkeiten in der Kommunikation und Sprechfreude zeigt, zögern Sie nicht, sich Rat zu holen, bspw. bei einer Logopädin.
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Titelbild gemalt von Klara (14)
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