Wie werden Kinder heute emotional stark und widerstandsfähig? Eine Mutter sorgt sich, weil sich ihre sechsjährige Tochter schnell selbst unter Druck setzt, an sich zweifelt und auch die unruhige Weltlage Fragen aufwirft. Wie kannst Du Dein Kind im Alltag stärken, ohne es in Watte zu packen? Das sagen unsere Expert:innen.
Unsere Tochter ist sechs Jahre alt – ein fröhliches, sensibles Kind, das vieles sehr intensiv wahrnimmt. In letzter Zeit merken wir aber, wie schnell sie sich selbst unter Druck setzt. Wenn etwas nicht sofort klappt, wird sie traurig oder wütend und sagt oft: „Ich kann das nicht“ oder „Die anderen sind besser als ich“. Gleichzeitig erlebt sie im Alltag viele neue Herausforderungen – Schule, Freundschaften, Freizeitstress.
Dazu kommt, dass auch wir Erwachsenen gerade oft verunsichert sind. Nachrichten über Kriege, Krisen, Klimawandel und eine allgemein unsichere Weltlage gehören inzwischen ständig zum Alltag. Unsere Tochter bekommt davon natürlich einiges mit und stellt Fragen, auf die wir nicht immer sofort die richtigen Antworten haben.
Wir fragen uns deshalb: Wie können wir unser Kind emotional stärken, ohne es zu überfordern oder Probleme kleinzureden? Wie lernen Kinder, mit Frust, Ängsten und Unsicherheiten umzugehen? Und was brauchen Kinder zwischen vier und acht Jahren heute besonders, um trotz all der Herausforderungen selbstbewusst und psychisch gesund aufzuwachsen?
1Gefühle aushalten statt wegtrösten
Was Sie beschreiben, kenne ich gut aus meiner Praxis: Ein Kind, das fröhlich und sensibel ist – und genau deshalb so intensiv erlebt, wenn etwas nicht klappt. Sensitive Kinder fühlen tiefer – im Glück wie im Schmerz. „Ich kann das nicht“ – was steckt dahinter?
Wenn ein Kind sagt: „Die anderen sind besser als ich“, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es zeigt, dass Ihr Kind beginnt, sich selbst im Vergleich mit anderen wahrzunehmen – das gehört zu dieser Entwicklungsphase dazu. Das tut manchmal leider auch weh. Was Ihr Kind in diesem Moment braucht, ist nicht sofort Motivation. Der gut gemeinte Satz „Doch, du schaffst das!“ springt über das Gefühl hinweg. Was wirklich hilft: kurz dabeibleiben. „Ich glaub dir – das ist gerade echt frustrierend, oder?“ Manchmal reicht das schon. Das Kind atmet durch, fühlt sich verstanden – und kann wieder weitermachen.
Kinder, die lernen, dass schwierige Gefühle ausgehalten werden können, ohne dass die Welt untergeht, entwickeln etwas Entscheidendes: emotionale Belastbarkeit. Das ist die eigentliche Wurzel von Selbstbewusstsein – nicht Lob, sondern die Erfahrung, etwas hinzubekommen und durchzustehen. Resilienz entsteht nicht im Schonraum. Sie entsteht im Kontakt mit dem echten Leben – begleitet von einem sicheren Erwachsenen. Das klingt einfach. Ist es aber oft nicht, weil wir selbst unter Druck stehen und es unseren Kindern so gerne ersparen würden. Wie wir mit dem Frust unseres Kindes umgehen, hängt eng damit zusammen, wie wir selbst gelernt haben, mit Enttäuschungen umzugehen.
Was Kinder heute brauchen: Verbindung vor Erziehung: Bevor Sie erklären oder korrigieren – verbinden Sie sich. Fünf Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit wirken oft mehr als jedes pädagogische Gespräch. Gefühle benennen, nicht wegschieben: Kinder, die ihre Gefühle benennen können, können besser mit ihnen umgehen. Scheitern erlauben: Nicht jeden Frust sofort wegmachen. Ihr Kind lernt dabei etwas, das sich nicht erklären, sondern nur erleben lässt: Ich komme da durch. Selbst stabil bleiben: Kinder regulieren sich über uns. Das bedeutet, einen Weg zu finden, gut für sich selbst zu sorgen, damit Sie für Ihr Kind da sein können.
Kinder brauchen keine perfekte Welt. Sie brauchen Erwachsene, die das mit ihnen aushalten können.
2Jedes Kind fühlt anders
Jedes Kind nimmt seine Umgebung unterschiedlich wahr. Somit fühlen Kinder auch in Situationen unterschiedlich intensiv. Bei meinen drei Jungs ist das gut zu beobachten. Einer ist sehr aktiv, ausgeglichen und fröhlich. Alles was er täglich einsaugt, nimmt er intensiv wahr. Das merken wir Eltern aber erst nachts, wenn er schweißgebadet aufwacht, wild träumt, weint, nicht ansprechbar ist. Unser anderer Sohn ist ruhiger, oft habe ich das Gefühl er saugt alles nicht so intensiv auf. Wenn er Gefühle zeigt, zeigt er sie stark, oft schlägt er um sich. Wut und Ärger müssen sofort raus. Nachts schläft er ruhig und wacht nicht auf. An diesem Beispiel sieht man gut, wie unterschiedlich die Wahrnehmung und vor allem auch Verarbeitung von Gefühlen, Situationen, Erlebnissen stattfinden kann. Ich als Mutter versuche meine Kinder in ihren Lebenssituationen zu begleiten: Gefühle zulassen, gemeinsames Ertragen mancher Gefühlsausbrüche, ein da sein, darüber sprechen. Ich hoffe, dass das meinen Kindern hilft, Dinge besser einzuordnen, eigene Gefühle händeln zu können und als selbstbewusst und psychisch gesund durchs Leben zu stapfen.
Was Kinder brauchen? Diese Frage ist leicht zu beantworten, oft leichter als durchzuführen.
Kinder brauchen: Freispiel, Langeweile, andere Kinder, stabile Eltern, gutes Essen, genug Schlaf, Grenzen, Stabilität und Zeit und Raum zur eigenen Entfaltung. Medien brauchen Kinder im Alter von vier bis acht nicht.
3Weniger ist mehr:
Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren orientieren sich sozio-emotional in erster Linie an den Bindungspersonen oder deutlich älteren Geschwistern. D.h. es ist erst einmal nicht entscheidend, was da draußen alles in der großen Welt passiert, sondern wie Mama und Papa und die Familie damit umgehen. Wie machen die das. Wie können die Ruhe bewahren und sich um grundlegende Bedürfnisse wie Sicherheit, Erholung, angemessene Versorgung, guten Schlaf und emotionale Stabilität kümmern. Können dies Eltern zu mindestens 75% erfüllen, dann treten alle Krisen da draußen weiter in den Hintergrund. Die spielen erst in der Vorpubertät und dann vor allem im Jugendalter eine Rolle, wenn das Gehirn noch leistungsfähiger wird, die Gleichaltrigen mehr Bedeutung gewinnen und die Mediennutzung noch intensiver wird.
Aber auch schon mit vier bis acht Jahren nagt der Zeitgeist der „Selbstoptimierung“ an allen Menschen. Etwas einigermaßen gut machen genügt irgendwie keinem mehr und für die letzten 20% in Richtung Perfektion benötigen wir 80% des Gesamtaufwands. Das kann auf Dauer einfach kein Mensch schaffen, wenn ich überall spitze sein möchte. Hinzu kommt, dass Kinder oft nicht nur ein bis zwei Bereiche haben auf die sie sich in ihrer Freizeit- und Hobbywelt konzentrieren, sondern unglaublich Vieles wird für kurze Zeit von ihnen angefangen, ausprobiert und wieder aufgegeben. Da bleibt am Ende das Gefühl zurück, so richtig kann ich irgendwie nichts. Dieses Gefühl entsteht immer erst wenn ich mich für etwas so richtig anstrengen musste und ich trotz aller Widrigkeiten, Ungeduld und Rückschläge dranbleiben konnte. Dann entsteht in irgendeinem Bereich so etwas wie Expertise und das strahlt auf das gesamte Selbstwirksamkeitserleben und Selbstvertrauen des Kindes aus.
Also, weniger ist auf jeden Fall mehr, die Fähigkeit zum Verzicht wird zur wichtigsten Charaktereigenschaft des 21. Jahrhunderts. Zudem für mindestens ein Hobby die Kinder Feuer und Flamme werden lassen und als Eltern die Kinder dabei unterstützen nicht aufzugeben. Mit Verzicht, Fokussierung und Beharrlichkeit entsteht echte Resilienz, gerade in der sozio-emotionalen Entwicklung von Kindern.
Titelbild gemalt von Klara (14)
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