Datenschutz ist der „digitale Helm“ für Deine Kinder. Doch wie viel Kontrolle ist im Alltag mit TikTok, WhatsApp und smartem Spielzeug wirklich nötig? Experte Christian Volkmer erklärt, warum Datensparsamkeit heute moderner Kinderschutz ist und wie Du die digitale Zukunft Deiner Familie sicher gestaltest.
Persönliche Daten, Fotos und Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen werden in einem kaum geringeren Umfang als Daten von Erwachsenen gespeichert und verarbeitet. Das beginnt mit der Anmeldung zum Baby-Rabattclub beim Drogeriemarkt, geht weiter bei sogenannten „Smarttoys“ bis hin zur Nutzung von Tablets in Kita und Schule. Spätestens bei der Anmeldung bei sozialen Netzwerken wie Instagram oder TikTok oder Messengern wie WhatsApp prallen Unterhaltung und Kommunikation auf knallharte wirtschaftliche Interessen multinationaler Konzerne.
Datenschutz ist ein Thema für Alle
Während eine sagt: „Ich brauche keinen Datenschutz. Ich hab' nichts zu verbergen!“, möchte der andere anonym bleiben. Prinzipiell muss das jede:r für sich selbst entscheiden. Man sollte sich allerdings - insbesondere wenn es um Kinder geht - bewusst sein, dass es im Netz schwer ist, einmal veröffentlichte Informationen oder Fotos wieder zu entfernen. Außerdem sammeln viele Webseiten und Apps im Hintergrund persönliche Daten. Werden die einzelnen „Schnipsel“ verschiedener Quellen miteinander verknüpft, ergeben sie ein immer genaueres Bild der eigenen Person. So können persönliche Daten für Werbetreibende, aber auch für Kriminelle wahre „Datenschätze“ sein. Man sollte nicht vergessen, dass Unternehmen selten etwas zu verschenken haben. Oft zahlen wir bei vermeintlich kostenlosen Diensten mit unseren Daten und unserer Aufmerksamkeit.
Also, auch wenn es manchmal umständlich oder gar nervig ist, einige Grundregeln sollten unbedingt beherzigt werden: regelmäßig Updates installieren, einen aktuellen Virenscanner verwenden und individuelle und sichere Passwörter nutzen (ggf. empfiehlt sich ein Passwortmanager). Es ist auch ratsam nur Software und Apps aus vertrauenswürdigen Quellen zu installieren und vorab die geforderten Berechtigungen zu prüfen, insbesondere den Zugriff auf Mikrofon und Standort. In sozialen Netzwerken gibt es - wenn auch oft versteckt - Privatsphäre- Einstellungen, mit denen man festlegen kann, wer was vom eigenen Profil sehen kann.
Deutschland ist spitze - auf jeden Fall im Datenschutz
Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und das Bundesdatenschutzgesetz bilden die Grundlage für ein hohes Schutzniveau von persönlichen Informationen in der digitalen Welt. Die Gesetze regeln die Verarbeitung von Daten und stärken die Rechte der Nutzenden. Für Familien bedeutet das: Dienste, Webseiten oder Apps dürfen eigentlich nur Daten erheben, wenn diese wirklich gebraucht werden und mit Einwilligung. Im Falle von Kindern unter 16 Jahren heißt dass, dass die Eltern vor Verwendung zustimmen müssen. Das betrifft z. B. Social-Media-Accounts, Spiele-Apps oder digitale Schulplattformen. Anbieter müssen offenlegen, welche Daten sie speichern, wofür sie genutzt werden und wie lange. Eltern haben außerdem das Recht, Auskunft über gespeicherte Daten zu verlangen oder deren Löschung zu beantragen.
Eine Ausnahme gibt es für die „Ausübung ausschließlich persönlicher oder familiärer Tätigkeiten“ (sog. „Haushaltsausnahme“). Diese gilt zum Beispiel für Fotos, die ausschließlich für private Zwecke zum Beispiel auf einem Kindergeburtstag oder einer Familienfeier gemacht und nur an einen eng beschränkten Personenkreis weitergegeben werden.
Konkrete Tipps, was Eltern in Sachen Datenschutz beachten sollten, verrät im Expert:innen-Interview Christian Volkmer, Geschäftsführer der P29 Group, einer Regensburger Unternehmensgruppe, die Lösungen im Bereich Datenschutz, Informationssicherheit und Compliance anbietet:
Von wegen, „Ich habe doch nichts zu verbergen.“ Warum ist Datenschutz wichtig, gerade für Familien mit Kindern?
Christian Volkmer: Datenschutz bedeutet nicht, etwas zu verstecken, sondern die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Wer Daten sammelt, bekommt ein sehr genaues Bild von einem Menschen. Das ist eine Form von Macht.
Für Kinder ist das besonders kritisch: Sie können nicht absehen, welche Folgen ihre Datenspuren in zehn, zwanzig Jahren haben. Profile aus Kindheit und Jugend können später bei Werbung, Scoring oder sogar bei beruflichen Chancen eine Rolle spielen. Eltern entscheiden also nicht nur über ein Foto im Hier und Jetzt, sondern auch ein Stück weit über die digitale Zukunft ihres Kindes.
Hinzu kommt: Einmal veröffentlichte Informationen lassen sich kaum wieder einfangen. Ein Bild kann kopiert, weitergeleitet oder aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden. Datenschutz ist für Familien daher ein wichtiger Teil des Kinderschutzes – so wie Helm und Kindersitz, nur eben für die digitale Welt.
Was sollten Eltern in Sachen Datenschutz aus Ihrer Sicht im Hinblick auf Kinderbilder und-videos, Messenger und Social Media sowie „Smartes“ Spielzeug?
Ich empfehle Eltern einige einfache, aber wirkungsvolle Grundregeln:
Kinderbilder & Videos:
- Fotos und Videos sparsam teilen und konsequent auf Privatsphäre-Einstellungen achten.
- Keine peinlichen, verletzenden oder freizügigen Bilder – auch nicht „lustig gemeint“ oder im Badeanzug.
- Möglichst keine Kombination aus Gesicht, vollem Namen, Schule/Kita und Wohnort.
- Sobald Kinder alt genug sind: immer fragen, ob das Bild veröffentlicht werden darf.
Messenger & Social Media:
- Bei jüngeren Kindern eher geschlossene Gruppen und möglichst datensparsame, gut verschlüsselte Dienste nutzen.
- Für Klassenchats und Familiengruppen klare Regeln vereinbaren: kein Weiterleiten fremder Kinderfotos, respektvoller Umgang, keine Nachrichten spätabends.
- Eltern sind Vorbilder: Wer selbst alles öffentlich teilt, tut sich schwer, später Grenzen zu setzen.
Smart Toys & vernetztes Kinderzimmer:
- Genau hinschauen, welche Daten ein Gerät sammelt und wohin sie übertragen werden.
- Mikrofone oder Kameras im Kinderzimmer sehr kritisch prüfen – das kann schnell zur Dauerüberwachung werden.
- Standardpasswörter ändern, automatische Cloud-Speicherung möglichst deaktivieren, Updates regelmäßig einspielen.
- Im Zweifel gilt: Ein „dummes“ Spielzeug ist oft das sicherere.
Zwischen Überwachung und Prävention: Wie viel elterliche Kontrolle ist aus Ihrer Sicht nötig und sinnvoll?
Ganz ohne Kontrolle geht es aus meiner Sicht nicht – gerade bei jüngeren Kindern. Ich finde, Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder zu schützen. Gleichzeitig brauchen Kinder aber auch Vertrauen und Räume, in denen sie sich ausprobieren können.
Ich plädiere daher für begleitete Mediennutzung statt heimlicher Überwachung:
Bei jüngeren Kindern sind gemeinsame Geräte, gemeinsame Accounts und das gelegentliche Draufschauen normal und sinnvoll.
Mit zunehmendem Alter sollten Freiräume schrittweise größer werden – auf Basis klarer, gemeinsam besprochener Regeln.
Heimliche Spionage-Apps oder verdecktes Tracking halte ich im normalen Familienalltag für problematisch. Sie untergraben Vertrauen – und technisch versierte Kinder finden oft Wege darum herum.
Eltern sollten ganz offen mit ihren Kindern darüber sprechen, welche Formen von Kontrolle sie ausüben wollen, warum sie das tun und wann diese Kontrolle auch wieder weniger werden soll. Ziel sollte immer der Schutz sein, nicht Misstrauen. Am Ende ist ein stabiles Vertrauensverhältnis die beste „Sicherheitssoftware“, die eine Familie haben kann.
Am 10. Dezember 2025 trat in Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Kraft. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Dass Staaten und Aufsichtsbehörden Social Media für Minderjährige langsam stärker regulieren, halte ich grundsätzlich für richtig. Reine Altersabfragen per Klick sind längst nicht mehr ausreichend, und Plattformen müssen viel stärker in die Verantwortung genommen werden – insbesondere beim Schutz von Kindern und Jugendlichen. Ein pauschales, striktes Verbot bis 16 Jahren sehe ich dennoch mit gemischten Gefühlen:
- Ein Mindestalter von etwa 13 Jahren für eigene Social-Media-Accounts halte ich für sinnvoll.
- Bis etwa 14/15 sollte Nutzung nur zeitlich begrenzt und eng begleitet erfolgen – mit klaren Absprachen innerhalb der Familie.
- Ab 16 geht es zunehmend um eigenverantwortliche Nutzung, idealerweise auf Basis von zuvor vermittelter Medienkompetenz.
Zu streng gefasste Verbote können dazu führen, dass Jugendliche auf inoffizielle, schlechter kontrollierte Angebote ausweichen oder Accounts „mitbenutzen“. Wichtiger als ein einzelnes Verbot ist für mich ein Gesamtpaket aus:
- Strengen gesetzlichen Vorgaben für Plattformen (Datensparsamkeit, Datenschutz, sichere Voreinstellungen, wirksame Melde- und Schutzmechanismen),
- deutlich mehr Medienbildung in Schule und Elternhaus und
- ehrlicher Aufklärung über Geschäftsmodelle, Algorithmen und Datennutzung.
Kurz gesagt: Ich befürworte klare Altersgrenzen und sehr hohe Schutzstandards für Minderjährige – aber eingebettet in Aufklärung und Begleitung. Denn nur so können wir aus meiner Sicht einen ganzheitlichen und sinnvollen Schutz unserer Kinder und Jugendlicher gewährleisten.