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Leben, Mütter, Väter

(K)ein Kind? Zwischen Kinderwunsch und psychischer Erkrankung

von Eva-Maria Meier (Verein pro familia Niederbayern-Oberpfalz e.V./Beratungsstelle Regensburg)
22. Juni 2026

Der Wunsch nach Kindern wirft riesige Fragen auf – erst recht, wenn die eigene psychische Gesundheit instabil ist. Reicht meine Kraft? Was passiert mit den Medikamenten? Viele Betroffene bleiben mit ihren Ängsten allein. Eva-Maria Meier von pro familia Regensburg bricht in ihrem Beitrag das Schweigen, teilt wertvolle Ratgeber-Tipps und zeigt, warum jede selbstbestimmte Entscheidung Unterstützung verdient.

Die Entscheidung für oder gegen (leibliche) Kinder oft keine leichte. Viele Menschen machen sich im Vorfeld Gedanken, ob sie psychisch stabil genug sind, um ein Kind bindungsorientiert zu erziehen – so wie es in (sozialen) Medien und Ratgebern empfohlen wird.

Sich vor einer bedeutenden Entscheidung Gedanken zu machen ist natürlich wichtig – und dass wir viel mehr über Entwicklungspsychologie und Pädagogik wissen als frühere Generationen einerseits wunderbar. Andererseits können unrealistisch hohe Erwartungen an Elternschaft auch übermäßig viel Druck und Selbstzweifel auslösen. Für Frauen sind die Rollenerwartungen an Mütter oft besonders abschreckend: Nicht nur bindungsorientiert erziehen, sondern dabei auch noch Karriere machen, schlank, sportlich und entspannt sein. Uff.

Noch schwieriger kann die Kinderfrage für psychisch erkrankte (oder psychisch behinderte) Menschen mit Kinderwunsch sein: „Wie wirken sich meine Medikamente in der Schwangerschaft auf das Kind aus?“, „Rutsche ich durch den Stress der Geburt und danach mit dem Kind erneut in eine Krise?“, „Gebe ich meine Erkrankung an das Kind weiter?“ oder „Habe ich trotz der Krankheit genug Kraft und Ressourcen für ein Kind?“.

Statt Schweigen: Offenheit und fundierte Informationen

In der Schwangerschaftsberatungsstelle von pro familia Regensburg sind psychische Belastungen und Erkrankungen in Kombination mit Kinderwunsch und Elternsein häufiges Thema – in vielen anderen Kontexten leider noch nicht. Studien weisen darauf hin, dass viele psychisch Erkrankte ihren Kinderwunsch mit sich selbst ausmachen und weder im privaten Umfeld noch mit Fachpersonen wie Ärzt:innen offen darüber sprechen. Oder sich selbst gaslighten, also den eigenen Kinderwunsch nicht ernst nehmen und das Thema auf die lange Bank schieben.

Wir möchten alle Beteiligten – also Betroffene, Angehörige und Fachpersonen – ermutigen, einen (möglichen) Kinderwunsch zu thematisieren, statt ihn zu tabuisieren. Im Sinne des Ansatzes der reproduktiven Rechte und Gerechtigkeit, der für die Arbeit von pro familia zentral ist, sollten Betroffene niedrigschwellig fundierte Informationen erhalten und die Möglichkeit haben, im Entscheidungsprozess in einem vertraulichen Beratungssetting auf Augenhöhe begleitet zu werden.

Ziel sollte sein, sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der individuellen Lebenssituation und vorhandener Unterstützungsmaßnahmen auseinanderzusetzen und so eine selbstbestimmte und möglichst gute Entscheidung zu treffen. Ohne eigene Kinder zu leben, ist natürlich eine völlig gleichwertige Lebensform – für Menschen mit und ohne psychische Erkrankung. Das möchten wir an dieser Stelle explizit betonen.

Uns ist bewusst, dass es ethische Konfliktfelder zwischen dem Prinzip der Selbstbestimmung und dem Prinzip der Fürsorge (gegenüber der/dem Betroffenen und einem potenziellen Kind) gibt und die Entscheidung im Einzelfall schwierig sein kann. Schweigen wird der Bedeutung der Themen Kinderwunsch und Kinderkriegen allerdings nicht gerecht – weder im Sinne des Empowerments noch vor dem Hintergrund einer Psychiatriegeschichte geprägt von Eugenik, Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen vor 1945 und Kontinuitäten eugenischen Denkens und Handelns nach 1945.

Ratgeber-Tipp: Gut geplant ins Familienglück

Hilfreich für Betroffene und Fachpersonen ist unserer Meinung nach der 2024 erschienene Ratgeber „Mutter werden mit psychischer Erkrankung“ (von Anke Rohde et al.). Einerseits wird darin thematisiert, dass Kinderkriegen und -haben mit viel Stress einhergehen kann und man sich gut überlegen sollte, ob man die womöglich über Jahre mühsam aufgebaute psychische Stabilität dadurch gefährden möchte. Die Autor:innen des Ratgebers ermutigen andererseits auch zur Elternschaft – sofern Betroffene gut vorplanen, offen mit der Krankheit umgehen und bei Bedarf schnell auf Unterstützung zurückgreifen. Unterstützungsmöglichkeiten für die Zeit der Familienplanung, Schwangerschaft, während und nach der Geburt werden umfassend aufgezeigt. Ein offener Umgang mit psychischen Belastungen wäre generell, also auch bei Menschen „ohne Diagnose“ wichtig und entlastend. Kinder zu begleiten ist mitunter eine sehr herausfordernde Aufgabe und für ein oder zwei Menschen kaum zu stemmen. Wir würden uns wünschen, dass es normaler wäre, sich ohne Scham und Versagensgefühle Hilfe zu holen, wenn man als Elternteil psychisch belastet und überfordert ist – auch im professionellen Hilfesystem, das kontinuierlich verbessert und ausgebaut werden müsste.

Außerdem geht der Ratgeber auf Medikamente und Risiken für den Embryo ein. Verallgemeinernd kann man sagen, dass viele Medikamente auch in der Schwangerschaft weiter eingenommen werden können – und auch sollten. Am wichtigsten für das Kind sei die Stabilität der (werdenden) Mutter, weshalb die Autor:innen vor abruptem Absetzen mehrmals warnen. Das muss aber natürlich im Einzelfall psychiatrisch abgeklärt werden.

Wir hätten uns gewünscht, dass der Ratgeber nicht nur auf Mutterschaft eingeht, weil das Thema natürlich auch für Männer relevant ist. Außerdem wären die Perspektiven von Expert:innen aus Erfahrung wichtig gewesen. Nicht thematisiert wird die Situation psychisch erkrankter Menschen, die sich ihren Kinderwunsch aufgrund der Erkrankung nicht erfüllt haben. Auch diesen Betroffenen fehlt es bislang an Räumen, in denen die ungewollte Kinderlosigkeit thematisiert und ggf. betrauert werden kann.

Eine Autorin des Ratgebers, Prof. Dr. Sarah Kittel-Schneider, durften wir im Oktober 2025 in Regensburg begrüßen – zum Impulsvortrag und einem Podiumsgespräch EX-IN-Genesungsbegleiterin Antonia Wolf und Claudia Alkofer, der fachlichen Leitung der Beratungsstelle pro familia Regensburg, vor 90 Teilnehmenden im Ostentorkino. Wir bleiben weiter dran an diesem wichtigen Thema und setzen uns für sexuelle und reproduktive Rechte ein – besonders die von marginalisierten Gruppen.

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