Familienpolitik

Helene Sigloch (Grüne): Eine Stadt sollte es den Menschen einfach machen

von Regensburger Eltern

Helene Sigloch will als Oberbürgermeisterin Regensburg familienfreundlicher gestalten: sichere Schulwege, barrierefreie Spielplätze, neue Treffpunkte für Jugendliche, bezahlbaren Wohnraum und bessere Angebote für einkommensschwache Familien. Ihr Ziel: Kinder und Jugendliche ernst nehmen und den Alltag für Familien spürbar erleichtern.

Deswegen möchte ich Regensburger Oberbürgermeister*in werden…

Helene Sigloch: Regensburg ist eine wunderbare Stadt mit viel Lebensqualität und vielen tollen und engagierten Men-schen. Aber an vielen Stellen unnötig kompliziert. Ich finde, eine Stadt sollte es den Menschen einfach machen. Ich möchte als Oberbürgermeisterin Verkehrswege und Stadtviertel so gestalten, dass der Alltag einfacher wird. Ich möchte, dass die Stadtverwaltung es den Menschen einfacher macht, mit digitalen Abläufen, klaren Ansprechpersonen und kürzeren Wartezeiten. Als Kommunalpolitikerin fällt mir zudem auf, dass die politischen Prioritäten an vielen Stellen unklar sind. Als Stadtrat und Verwaltung sind wir sehr gut darin, uns Ziele zu setzen, aber weniger gut, diese Ziele konsequent zu verfolgen und damit auch erreichen zu können. Das möchte ich als Oberbürgermeisterin besser machen.

Kinder und Jugendliche sind für mich ….

… Persönlichkeiten, die ernst genommen und mitgedacht werden müssen. Kinder und Jugendliche ha-ben genauso viel Anrecht auf Raum in unserer Stadt wie Erwachsene und ihre Bedürfnisse und Interes-sen müssen genauso berücksichtigt werden wie die von Erwachsenen.

Regensburg erhielt 2022 die Auszeichnung „kinderfreundliche Kommune". Wo bzw. was ist an Regensburg aus Ihrer Sicht besonders kinderfreundlich? Und wie wollen Sie dafür sorgen, dass die Stadt diesen Titel auch in Zukunft behält?

Vielen Familien, die neu nach Regensburg kommen, fallen zuerst die Spielplätze auf. Regensburg hat viele und ausgesprochen schöne und abwechslungsreiche Spielplätze. Teilweise liegt das auch daran, dass Kinder in die Planung mit einbezogen wurden. Woran es allerdings mangelt, sind ähnliche Angebote für Jugendliche, vor allem für Mädchen. Ich wünsche mir Flächen, die in Zusammenarbeit mit Teenagerinnen gestaltet werden, denn Jugendliche brauchen schöne Treffpunkte in Regensburg, auch außerhalb von Einrichtungen und Jugendzentren. Kinder und Jugendliche bestimmen in Regensburg mit, nicht nur bei der Gestaltung von Spiel- und Aufenthaltsflächen, sondern auch im Kinderbeirat oder als von den Jugendlichen gewählte Mitglieder des Jugendbeirats. Allerdings erreicht man mit diesen Beteiligungsstrukturen nicht alle Jugendlichen. Deswegen möchten wir Grünen das „Goldene Ticket“ einführen, ein Losverfahren, mit dem junge Menschen gezielt zu Veranstaltungen der Jugendbeteiligung im Stadtteil eingeladen werden. Damit wollen wir auch diejenigen erreichen, die sich nicht von selbst zu solchen Formaten anmelden. Ich verpflichte mich den Standards für eine „kinderfreundliche Kommune“. Es gibt noch einiges zu verbessern: Für Familien mit jüngeren Kindern braucht es unter anderem wohnortnahe Kitaplätze, Sonnenschutz auf Spielplätzen, barrierefreie Wege und barrierefreie Elemente auf Spielplätzen. Für Schulkinder sichere Verkehrswege und verlässliche Busse, moderne und barrierefreie Schulgebäude, mehr Schulsozialarbeit. Und Jugendliche brauchen Ansprechpersonen und gut gestaltete Aufenthaltsorte. Speziell für Mädchen gibt es zu wenig Raum. Deshalb ist mir das geplante Jugendzentrum am Rennplatz wichtig und die mobile Jugendarbeit zu stärken. Zum Schluss noch ein persönliches Highlight: Ich liebe Mini-Regensburg. Meine drei Kinder waren mehrmals Bürger*innen von Mini-Regensburg und waren begeistert. Ich war jeden Abend gespannt auf die Erzählungen des Tages („Mama, ich habe heute einen Betriebsausflug organisiert“) und freue mich jedes Mal, wenn ich mit einem Erwachsenen-Visum der Spielstadt einen Besuch abstatten darf.

Was ist geplant, um die Lebens- und Freizeitqualität für Kinder und Familien weiter zu steigern? Führen Sie uns gerne durch drei verschiedene Viertel. Sagen Sie uns für jeden dieser drei Stadtteile was Sie gerne umsetzen möchten, wann soll die Umsetzung geschehen und was kostet es?

Im Stadtwesten steht die Sicherheit der Kinder auf dem Schulweg im Mittelpunkt. Rund um die neue Kreuzschule braucht es breitere Radwege, sichere Querungen und eine Verkehrsführung, die Konflikte vermeidet. Der Radweg darf nicht durch den Haltebereich der Elterntaxis geführt werden. Für die verkehrlichen Anpassungen ist ein Aufwand im mittleren sechsstelligen Bereich realistisch. Im Südosten möchte ich den Bauspielplatz und den Außenbereich neben dem JUZ Arena mit der Skateanlage langfristig sichern. Beide Orte haben große Bedeutung für das soziale und pädagogische Leben im Viertel. Damit sie dauerhaft bestehen bleiben, möchte ich es noch einmal mit Konfliktlösung versuchen, aber auch prüfen, ob Änderungen im Bebauungsplan oder eine Umwidmung sinnvoll sind. Der Hauptaufwand liegt in Kommunikation und Planung. Innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre soll eine stabile Lösung stehen. Im Stadtnorden geht es vor allem um Bewegungsfreiheit. Die vierspurige Donaustaufer Straße zerschneidet Reinhausen. Ein Rückbau auf zwei Spuren würde Raum schaffen für Grünflächen und sichere Übergänge. Zusätzlich halte ich es für sinnvoll, im Albert-Schweitzer-Park eine eigene Fläche zu entwickeln, die gemeinsam mit Teenager:innen gestaltet wird. Die Umsetzung erfolgt in mehreren Schritten; konkrete Kosten hängen von der Vorplanung ab.

Nur wenige gastronomische Angebote in Regensburg sind familienfreundlich. Es gibt kaum mehr Familiencafés mit Spielbereichen für Kinder, Räume ganz ohne Konsumzwang sind noch seltener und bei schlechtem Wetter bleibt wenig Angebot übrig.
Wenn Sie an einem Regentag mit Ihrem Kind in Regensburg unterwegs wären, wo würden Sie hingehen? Welche konkreten städtischen Anreize (z. B. Mietzuschüsse, Zwischennutzung, schnellere Genehmigungen) wollen Sie einführen, um solche Orte zu fördern?

Seit das Kona geschlossen hat, gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten, mit kleineren Kindern gemütlich in ein Café zu gehen. Es fehlt nicht nur der Platz zum Spielen, sondern auch die Wickelmöglichkeit. An einem regnerischen Tag würde mir mit meinem Kind nicht langweilig werden. Wir würden zum Beispiel in die Stadtbücherei gehen, Bekannte besuchen, ins Westbad oder zum Eislaufen oder einfach trotz Regen rausgehen. Es fehlen aber Räume, wo man sich einfach mit Kindern drinnen aufhalten kann. In Regensburg bespielen wir Leerstand immer wieder durch kulturelle Zwischennutzungen. Schön wäre eine Zwischennutzung, die sich konkret an Familien mit jüngeren Kindern richtet. Im M26 hat das mit dem „KinderKulturFest der 1000 Formen“ gut funktioniert. Ich wünsche mir mehr solcher familienfreundlichen Räume ohne Konsumzwang. Ein erster Schritt könnte sein, dass das M26 öfter Veranstaltungen für Familien macht oder dauerhaft einen Bereich für Kinder widmet. Wo Initiativen oder Geschäftsleute zusätzliche Orte für Familien schaffen möchten, soll die Stadt unterstützen durch eine klare Ansprechperson in der Verwaltung und schnelle Genehmigungsverfahren. So können Räume entstehen, die auch bei Regenwetter offenstehen und für Familien wirklich alltagstauglich sind.

Wie kann die Stadt bezahlbaren Wohnraum für Familien schaffen? Familien mit drei oder mehr Kindern finden kaum bezahlbare Wohnungen.
Wie viele familiengerechte Wohnungen (4+ Zimmer) sollen unter Ihrer Führung pro Jahr entstehen?
Was tun Sie, damit große Familien nicht aus Regensburg wegziehen müssen?

Wohnungssuche darf keine Vollzeitaufgabe sein. Familien mit mehreren Kindern finden kaum bezahlbare große Wohnungen. Ich werde darauf hinarbeiten, dass wieder mehr Wohnungen mit vier oder mehr Zimmern entstehen. Das gelingt durch mehr kommunalen Wohnungsbau, klare Quoten für große Wohnungen und mit Vergaberegeln, die Familien tatsächlich entgegenkommen. Außerdem möchten wir eine kommunale Wohnraumagentur nach Göttinger Vorbild einrichten, die Leerstand aktiviert, Familien unterstützt und Wohnraum vermittelt, der auf dem freien Markt kaum erreichbar ist. Familien sollen nicht aus Regensburg wegziehen müssen, weil sie hier keinen Platz finden.

Elterntaxis, fehlende Radwege, Stress im Straßenverkehr – ein Dauerthema. Nennen Sie drei konkrete Maßnahmen zur Verkehrssicherheit für Kinder, die Sie bis 2030 gerne umsetzen möchten. (z.B. Tempo 30 vor Schule X, Schulstraße an Straße Y, geschützter Radweg Z)
Wie viel Prozent des Verkehrsbudgets fließen in Rad- und Fußverkehr?
Wie schaffen Sie mehr Platz für Kinderwägen im ÖPNV?

Kinder sollen sich selbstständig und sicher bewegen können. Bis 2030 soll vor allen Schulen und Kitas Tempo 30 gelten, etwa an der Luitpold- und Landshuter Straße vor der Elly-Maldaque-Schule. Wo es sinnvoll ist, möchte ich Schulstraßen einrichten, zum Beispiel in der Eupener Straße. Entlang der Schulwege braucht es geschützte Radwege. Vor der neuen Kreuzschule muss der Radweg getrennt von den Kurzzeitparkplätzen für Hol- und Bringverkehr geführt werden. Die Busse sind in Regensburg sehr langsam und morgens zwischen sieben und acht völlig überfüllt. Der Einstieg mit Kinderwagen ist schwierig und der Raum dafür begrenzt. Deshalb brauchen wir größere Fahrzeuge mit breiteren Einstiegen, mehr Türen, größeren Flächen für Kinderwägen und Rollstühle, sowie ein leichtes Ein- und Aussteigen an barrierefreien Haltestellen. Der größte Batzen Geld im Verkehrsbereich geht nach wie vor in den Autoverkehr. Das muss sich umkehren. Wir müssen mehr Geld für besseren Fuß- und Radverkehr
Sanierungen an Schulen dürfen nicht länger verschoben werden. Sie brauchen klare Prioritäten und feste Zeitpläne. Der Ganztagsausbau gelingt nur gemeinsam mit freien Trägern und mit guter Qualität der Betreuung.

Was möchten Sie für unsere Schulen tun?
Welche Schulen haben aus Ihrer Sicht den dringendsten Sanierungsbedarf – und bis wann wollen Sie diese sanieren? Wie setzen Sie den Ausbau der Ganztagsbetreuung und den kommenden Rechtsanspruch bis 2029 um? Welche Maßnahmen planen Sie für sichere Schulwege, z. B. an der Kreuzschule?

Viele Schulen in Regensburg müssen dringend saniert werden. Beispielsweise an der Realschule am Judenstein, die Matthäus-Runtinger-Schule und die Albert-Schweitzer-Realschule herrscht dringender Bedarf. Es reicht nicht, die Löcher im Dach zu stopfen. Die Schulen müssen energetisch saniert und barrierefrei ausgebaut werden und brauchen moderne Klassenzimmer, in denen das Lernen Spaß macht.  Eine Generalsanierung dauert Jahre und die Liste der Schulen, die auf die Sanierung warten, ist viel zu lang. Deshalb braucht es zusätzlich ein Sofortprogramm, das die größten Mängel behebt und zum Bei-spiel den Zustand der Schultoiletten verbessert. Den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2029 müssen und wollen wir erfüllen. Das erfordert zusätzliche Räume, stabile Finanzierung und gute Arbeits-bedingungen für Fachkräfte. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass die älteren Kinder, die den Rechtsanspruch noch nicht haben, dabei nicht leer ausgehen. Auch diese Familien brauchen Betreuungsplätze. Sichere Schulwege – auch an der Kreuzschule – müssen konsequent umgesetzt werden. Dazu gehören Tempo 30, eindeutige Querungen und eine gesondert geführte Radwege. Für mich ist entscheidend, dass Kinder ihren Weg zur Schule selbstständig und sicher bewältigen können. Die Situa-tion vor der Kreuzschule ist nicht gut. Dort müssen wir den Straßenraum besser verteilen.

Für Jugendliche gibt es nur wenige Angebote in Regensburg, um sich im öffentlichen Raum treffen zu können. Sie brauchen Plätze, ohne dass diese sofort nach Lärmbeschwerden geschlossen werden. Aktuell ist das Freizeitgelände beim JUZ Arena und der Bauspielplatz gefährdet.
Welche neuen Treffpunkte für Jugendliche planen Sie – und wo konkret?
Wie wollen Sie Konflikte zwischen Anwohner:innen und Jugendlichen moderieren?
Wie schützen Sie bestehende Jugend- und Freizeiteinrichtungen wie den Bauspielplatz dauerhaft?

Jugendliche brauchen Orte, an denen sie willkommen sind. Der Bauspielplatz und das Gelände beim JUZ Arena müssen dauerhaft gesichert werden. Ich möchte den Fokus noch stärker auf Konfliktlösung setzen und gleichzeitig die Nutzungen rechtlich klar festlegen. Neue Treffpunkte sollen dort entstehen, wo Jugendliche sich ohnehin aufhalten. Ich möchte im Albert-Schweitzer-Park eine Fläche schaffen, die gemeinsam mit Teenagerinnen gestaltet wird. Das neue Jugendzentrum am Rennplatz wird ein weiterer wichtiger Ort. Auch der Außenbereich des JUZ Kontrast sollte bewusster gestaltet werden. Wir sichern diese Einrichtungen am besten durch Kontakt und Einbindung der Anwohner:innen und einen klaren rechtlichen Rahmen.

Die Kita-Kosten steigen jährlich. Wir als Träger von Kitas kämpfen mit den stetig steigenden Kosten. Welche Unterstützung ist geplant?

Träger von Kitas, die mit der Stadt kooperieren, dürfen bis zu 60% höhere Gebühren verlangen. Das entlastet die Träger vorübergehend, belastet aber dafür die Familien stärker. Deshalb kann es nur eine Übergangslösung sein. Das bayerische Familiengeld und Krippengeld sind weggefallen und das Kinderstartgeld kommt nun doch nicht, gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten. Es kann nicht die Lösung sein, die ganze finanzielle Last den Familien aufzubürden. Hier muss der Freistaat seiner Verantwortung gerecht werden und die Einrichtungen mehr fördern. Eine Kommune kann diese Lücken nicht vollständig schließen. Dennoch möchte ich eine Lösung finden, die für Eltern bezahlbar, für Träger verlässlich und für die Stadt tragfähig ist. Transparente Zuschüsse, stabile Grundlagen für Personal- und Sachkosten und einfache Verfahren sind dafür entscheidend. Gute Kita-Arbeit braucht finanzielle Sicherheit.

Familienarmut & soziale Unterstützung: Wie wollen Sie Kinder aus einkommensschwachen Familien besser unterstützen? Welche Maßnahmen planen Sie, um Teilhabe unabhängig vom Geldbeutel zu ermöglichen?

Der Armutsbericht zeigt deutlich, wie stark Armut die Chancen von Kindern beeinflusst. Unterstützung muss dort ankommen, wo Familien leben – in Schulen, Sozialräumen und offenen Einrichtungen. Angebote müssen niedrigschwellig sein, leicht erreichbar und ohne große Hürden nutzbar. Teilhabe darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Deshalb möchte ich den Stadtpass stärken und städtische Angebote – Museen, Bäder, Bibliotheken – so gestalten, dass alle Kinder Zugang haben. Sichere Wege und ein bezahlbarer ÖPNV sind ebenfalls soziale Maßnahmen, denn viele Kinder erreichen diese Angebote sonst gar nicht. Beratungsangebote müssen bekannter, sichtbarer und näher an den Familien sein. Ich will, dass in Regensburg jedes Kind gerechte Chancen hat und keines ausgeschlossen wird.

Was möchten Sie den Familien in Regensburg noch sagen?

Regensburg ist eine wunderbare und familienfreundliche Stadt. Gleichzeitig erleben wir, wie schnell Familienpolitik an Bedeutung verlieren kann, wenn andere Themen dominieren. Ich möchte dafür sorgen, dass die Bedürfnisse von Familien verlässlich berücksichtigt werden und Entscheidungen ihren Alltag wirklich erleichtern. Familien sollen sich auf ihre Stadt verlassen können – im Großen wie im Kleinen